Glücklicher Leben

Wie viel Verantwortung für andere tut uns gut?

In meiner Praxis habe ich immer wieder mit Patienten zu tun die so viel Verantwortung für andere übernehmen, dass fast keine Zeit mehr für sie selbst bleibt. Sie übernehmen Verantwortung für andere Menschen. Was auf der einen Seite wunderschön ist, auf der anderen Seite, wenn man nicht aufpasst, aber auch sehr selbstaufopfernd werden kann. Weil jeder von uns sehr gerne, wenn er gebraucht wird, oder zumindest den Eindruck hat von jemand anders gebraucht zu werden, vergisst die eigenen Grenzen zu ziehen.

Wir dürfen trotz des „da seins“ für andere Personen aber noch immer auch „nein“ sagen und unsere eigenen Grenzen ziehen und unbedingt schützen. Wenn wir nämlich auf uns selbst vergessen haben wir irgendwann nicht mehr die Kraft für andere da zu sein.

Aktuell muss sich eine meiner Klientinnen beispielsweise entscheiden, in wie weit es ihr möglich ist für ihren Vater, der alleine lebt aber noch alleine leben kann, die Verantwortung zu übernehmen. Sie beginnt sukzessive sich mehr Sorgen um ihn zu machen und möchte auf ihn „aufpassen“ und darauf achten, dass es ihm immer gut geht. Was organisatorisch jedoch nicht ganz einfach zu bewerkstelligen ist, da ihr Vater etwas außerhalb wohnt und sie jedes Mal circa eine Stunde Autofahren muss um zu ihm zu kommen. Was sie aber natürlich trotzdem nicht davon abhält das regelmäßig zu tun – neben einer Vollzeitbeschäftigung mit viel Arbeit und wenig Freizeit. Und wenn sie es dann einmal nicht macht, hat sie ein permanent schlechtes Gewissen.

Verstehen Sie mich jetzt bitte nicht falsch, auch ich selbst bin von Herzen gerne für andere da. Und ich gebe ganz ehrlich zu, das Wort „nein“ ebenfalls nicht sehr oft zu nutzen. Trotzdem habe ich gelernt sehr wohl auch auf mich selbst zu schauen, um auch wirklich die Kraft zu haben, die andere dann wiederum von mir brauchen und auch einfordern.

Ich habe gelernt, und versuche das auch meinen Patienten mitzugeben, gemeinsam zu schauen, wie viel Fürsorge sich der andere eigentlich wirklich wünscht. Wir Erwachsenen neigen bei unseren eigenen Eltern und unserer Familie nämlich sehr gerne dazu diese zu überbemuttern. Deshalb müssen wir, genauso wie wir es uns früher von unseren eigenen Müttern gewünscht haben, auch lernen loszulassen und dem anderen auch Eigenverantwortung zu überlassen. Egal, wie alt derjenige ist. Solange es einer Person möglich ist eigenverantwortlich zu agieren, müssen wir das unbedingt fördern und nicht durch zu viel Fürsorge sogar unterbinden.
Und wir müssen lernen auch fremde Hilfe zuzulassen. Sei es in Form eines Pflegedienstes, des eigenen Nachbarn, oder jederzeit und ganz besonders auch der erweiterten Familie. Nachbarn und Familie sind nämlich meistens viel hilfsbereit als man denkt. Sie wollen nur gefragt werden, da sie sich auch nicht aufdrängen wollen. Und für den Fall, dass die eigene Familie doch nicht auf freiwilliger Basis zu Hilfsbereitschaft tendiert, fordern sie diese gnadenlos ein! Manche muss man zu ihrem Glück zwingen – oder auch einfach nur zur Übernahme von Verantwortung.

Natürlich ist es für alle Beteiligten am bequemsten wenn es jemanden gibt der die Hauptverantwortung übernimmt und sie sich selbst um nichts kümmern müssen. Das geht aber nun mal eben nicht. Solange wir selbst Gott sei Dank fit und gesund genug sind für andere da zu sein ist das, aus meiner Sicht, bis zu einem gewissen Grad schon auch eine Verpflichtung. Die anderen, zumindest im innerfamiliären Kontext, waren in irgendeiner Form früher ja auch einmal für uns da. Als wir noch klein und hilfsbedürftig waren.

Jedoch nur mit Maß und Ziel. Ohne, dass Sie ihr eigenes Privatleben und Ihre eigene Lebensqualität dafür aufgeben. Das würde nämlich auch niemanden etwas nutzen und Sie würden ganz schnell die Freude daran verlieren, regelmäßig für jemanden da zu sein.

Schauen Sie also ruhig mit einem gewissen Grundmaß an Egoismus zuerst immer auf sich selbst um dann die Kraft und Energie zu haben, liebevoll und aus ganzem Herzen heraus für andere da zu sein. Die spüren nämlich immer, ob Sie es aus Pflichtbewusstsein, oder aus reiner Liebe tun. Deshalb ist weniger oftmals auch mehr.
Sie müssen für niemanden alleine rund um die Uhr da sein, die Zeit die Sie für andere haben, sollte aber dafür nur und ausschließlich dieser einen Person gehören.