Glücklicher Leben

Vom Festhalten und loslassen

Ich bin, was loslassen betrifft, furchtbar. Ganz ehrlich. Mich wundert fast, dass ich nicht heute noch meinen Brautstrauß getrocknet im Keller hängen habe. Und das, obwohl ich seit Jahren glücklich geschieden bin. Den Ehering wiederum konnte ich damals gnadenlos einschmelzen lassen im Glauben, dass sämtliche Kränkungen damit auch wegschmelzen. Das war allerdings ein Irrtum. Auch, wenn ich heute sehr froh bin Mann und Ring loszuhaben. Der Ring hat mir nie gefallen – über das Aussehen meines Exmannes möchte ich mich hier in der Öffentlichkeit aus Höflichkeit und im Sinne der alten Zeiten nicht äußern. Jedoch der Form halber festhalten, dass er auch seine Vorteile hatte. Sonst hätte ich ihn ja auch nie geheiratet.

Öfter bringt es die Zeit aber mit sich jemanden plötzlich mit anderen Augen zu sehen. Dann ist das mit dem Loslassen, zumindest für mich, zum Glück auch überhaupt kein Problem mehr.

Die Blumen, die ich mir damals glücklicherweise selbst ausgesucht hatte, wir hatten einen gänzlich unterschiedlichen Geschmack, hätte ich jedoch fast aufgehoben. Ich habe es nämlich, was ja an dieser Stelle fast selbsterklärend ist, auch nicht geschafft den Strauß als Braut zu werfen. Ich war wahrscheinlich zu wenig abergläubisch. So musste ich dann irgendwann das ganze Ehevorhaben mitsamt der Blumen über Bord werfen.

Auch sonst bin ich ein absolut traditioneller Typ. Ich halte an Dingen fest die kein Mensch mehr braucht. Aber die mich an etwas erinnern. Das blöde ist nur, dass es niemals Platz für etwas Neues geben kann, wenn wir das Alte nicht loslassen.

Deshalb habe ich es geschafft mir nun immerhin schon einmal eine neue Sitzgarnitur zu bestellen. Würden Sie mich persönlich kennen, würden Sie mich jetzt beglückwünschen. Ehrlich! An den Dekokissen, auch noch aus meiner Ehe – welche ich damals insofern mitgenommen habe, weil die auch ich ausgesucht habe (alles andere habe ich bei meinem Exmann gelassen – nicht nur aus Großzügigkeit, sondern aus reinem Egoismus, weil mir die Dinge eh allesamt nie gefallen haben) arbeite ich noch. Habe mir aber ganz fest vorgenommen diese auch heuer noch durch neue zu ersetzen.

Und wenn ich die Sache mit dem Loslassen dann noch ganz fleißig weiterübe schaffe ich es vielleicht sogar irgendwann auch noch die Lichtschalter meiner Großtante, von der ich die Wohnung übernehmen durfte, zu tauschen. Aber gut Ding braucht ja bekanntlich Weile. Und für diesen emotionalen Meilenschritt brauche ich bestimmt noch eine ganze Weile. Die ersten kleinen Schritte gehe ich aber immerhin schon. Und die fühlen sich richtig gut an.

Es grüßt Sie, heute noch vom alten Sofa

Ihre

Sabine Viktoria Schneider