Glücklicher Leben

Kindheitsträume

Kürzlich hat mich jemand auf beruflicher Ebene nach meiner Meinung als Psychologin gefragt, ob uns Kindheitsträume, die wir uns im Erwachsenenalter noch erfüllen, wirklich glücklicher und insbesondere auch zufriedener machen.

Eine Frage, die meines Erachtens auf dem früheren Wunsch an sich beruht. Je nachdem, wie sich diese Träume in der Realität tatsächlich gestalten würden.
Ich selbst wollte als Kind beispielsweise unbedingt Kinderärztin werden. Aber nicht einfach nur so zum Spaß und aus Schwärmerei. Nein, so ganz richtig mit allem Drum und Dran. Über unzählige Jahre. Ich wusste sogar schon ganz genau wie ich meine Praxis einrichten würde.
Bis zu dem Tag, an dem ich ein einwöchiges Praktikum auf der Kinderstation einer Universitätsklinik machen durfte und den ersten Tag auf der Kinder-Onkologie verbrachte.
Das war der Tag an dem sich mein Kindheitstraum aufgelöst hat wie eine wunderschöne große Seifenblase die nach einer langen unbeschwerten und schwerelosen Reise plötzlich zerplatzt und nie wieder lernt zu fliegen.

Dieser Traum hat mich dann noch lange beschäftigt und es fiel mir bis vor kurzem unendlich schwer ihn endgültig loszulassen.
Die Tatsache, dass ich keine Kinderärztin mehr werden wollte, konnte ich schneller verarbeiten – den Traum von der eigenen Praxis konnte ich lange nicht loslassen.
Insbesondere in Zeiten in denen es beruflich nicht ganz rund gelaufen ist habe ich mich an diesen Traum erinnert und beschlossen ihn mir doch noch irgendwie zu erfüllen. Dafür habe ich diverse Ausbildungen gemacht
  – von der psychologischen Gesprächs- bis hin Cranio Sacral Therapeutin. Im Glauben mir mit diesen Abschlüssen diesen Kindheitstraum dann doch noch erfüllen zu können.

Es hat aber nie so geklappt wie ich mir wortwörtlich erträumt hätte. Ganz im Gegenteil. Als Wirtschaftspsychologin haben sich die Dinge immer gut entwickelt – als Gesprächstherapeutin nicht.

So habe ich irgendwann begonnen einmal wirklich realistisch und ohne jegliche naive Schwärmerei darüber nachzudenken, was diesen Kindheitstraum eigentlich ausmacht und was ich daran wirklich so unendlich vermisse.
Dabei wurde mir bewusst, dass es gar nicht um die Praxis selbst geht, sondern um einen Heimathafen. Die Tatsache zu wissen, wo man beruflich hingehört und wo man sich wohl fühlt. So wie man ist. Ohne sich verstellen zu müssen.

Mein allergrößter Herzenswunsch war es immer mit Menschen arbeiten zu dürfen und sie dabei zu unterstützen sich in ihrem eigenen Leben wohl zu fühlen. Und genau das mache ich heute als Wirtschaftspsychologin. Ich darf für Menschen da sein und sie auf ihrem Weg begleiten. Sei es im Zuge von beruflichen Veränderungsprozessen, im Unternehmenskontext als Beraterin, wie auch immer. Ich bin für eine gewisse Zeit ein Teil ihres Lebens. Sozusagen als berufliche Vertrauensperson. In guten wie in schlechten Zeiten.

Im Endeffekt wurde mir im Zuge meiner Überlegungen bewusst, dass ich heute auf emotionaler Ebene viel mehr besitze, als ich es mir als Kind erträumt habe. Ich habe einen Beruf den ich von ganzem Herzen liebe.

Gut, ich hab‘ keine Praxis mit einem großen Teddy-Bären, aber dafür Menschen um mich, die ich ein Stück begleiten darf, sich im beruflichen Umfeld wieder richtig wohl zu fühlen.

Wenn ich mich heute noch einmal entscheiden müsste, würde ich gleich Wirtschaftspsychologin werden. Eine Art Praxis habe ich für meine Coachings so ja auch – jedoch eine, die mir persönlich sehr viel Freiraum gibt und die Möglichkeit zu reisen und immer wieder neue Eindrücke zu gewinnen.
Etwas, das ich unendlich vermissen würde, wenn ich wirklich Kinderärztin in eigener Praxis, an einem fixen Ort, geworden wäre.
  

Eine Einsicht, für die ich knapp 42 Jahre alt werden musste. Diese lange Zeit war sichtlich notwendig um jetzt aber zu wissen, dass der Kindheitstraum von früher zwar ein wunderschöner Traum war, es in der Realität heute aber noch viel traumhafter ist.
Für diese Einsicht muss man bereit sein einmal ganz gezielt darüber nachzudenken was den Traum von früher eigentlich wirklich so traumhaft macht. Vielleicht war es ja doch einfach nur ein Kindheitstraum, den es irgendwann gilt loszulassen…