Glücklicher Leben

Kann man neben den eigenen Eltern erwachsen werden?

Ich denke… nein, kann man nicht… Zumindest nicht neben meinen. Wobei ich diese Feststellung fairerweise reduzieren muss auf meinen Vater. Neben meiner Mutter hat das ganz prima geklappt. Vielleicht liegt das auch daran, dass Sie, selbstverständlicher weise, von Beginn an näher dran war und die Geburt direkt miterlebt hat. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass meine Mama wirklich verstanden hat, dass ich mittlerweile schon 42 Jahre alt bin und somit erwachsen.

Ganz anders mein Vater. Der befindet sich noch im Entscheidungsprozess ob ich noch drei, oder gar schon vier Jahre alt bin und behandelt mich dementsprechend. Gut… er macht das auch bei meiner Mutter. Er weiß und kann einfach alles. Ganz egal, worum es sich handelt.
Am letzten Wochenende waren wir beispielsweise gemeinsam im Auto unterwegs – in meinem Auto. Also bin ich gefahren (ich hab nämlich sogar schon einen eigenen Führerschein…).
Wie immer, wenn ich wohin fahre wo ich noch nicht war, mit meinem Navigationssystem. Eine durchaus praktische und äußerst zeitsparende Erfindung, wenn man nicht jemanden im Auto sitzen hat der von der Rückbank aus jeden „Fahrhinweis“ des Navis kommentiert und es besser weiß. Und dann auch nicht loslässt und die ganze Zeit diskutiert, dass wir aus seiner Sicht jetzt falsch gefahren sind.
Ich bin normalerweise, denke ich, eine gute Autofahrerin. An diesem Wochenende kam ich aber wirklich an meine Grenzen und habe einmal sogar fast den Retourgang mit dem ersten Gang verwechselt, weil ich so aufgebracht und genervt war.

Auch sonst verlief das ganze Wochenende in diese Richtung. Ich musste mich von der Auswahl meines Frühstücks bis hin zu meiner Entscheidung wo ich wann abbiegen möchte und wo nicht für alles verteidigen und rechtfertigen. Es blieb einfach nichts unkommentiert.

Geht das nur mir so, oder sind Väter einfach so? Ich selbst bin gestern Abend dann jedenfalls mit einem Glas Rotwein zur Beruhigung und einer Wärmflache zur Entspannung auf meinem Sofa gelegen und hab‘ mich so sehr über mich selbst geärgert, dass ich später gleich nicht einschlafen konnte. Was ich nämlich nicht begreife ist, dass ich beruflich immer wieder das Feedback bekomme ausgesprochen diplomatisch, geduldig  und äußerst lösungsorientiert zu sein. Und immer und überall auch das positive sehe – gut, ich bin spezialisiert auf die Methode der positiven Psychologie. Aber… Im eigenen System will und will das nicht klappen. Im Kontext mit meinem Vater brauche ich unter einer hundertstel Sekunde um von der durchaus reflektierten, erwachsenen, Psychologin ins rebellische Kinder-Ich zu wechseln… was sage ich „zu wechseln…“ mit einem dreifachen Salto reinzuköpfeln…Es ist unglaublich!
Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich mich bei meinen Patienten nicht für alles was ich tue rechtfertigen muss. Zum Glück – sonst müsste ich mich nämlich umschulen lassen, weil ich das emotional mit keiner zweiten Person mehr schaffen würde…

Wie ich mit meinem Vater nun weiter umgehen werde weiß ich noch nicht – was ich aber weiß ist, dass ich schon sehr bald die Gelegenheit haben werde es weiter zu üben. Wir fahren übermorgen nämlich für ein paar Tage gemeinsam in den Urlaub. Mit einem Auto… diesmal jedoch mit dem meiner Eltern. Und gegebenenfalls habe ich recherchiert wie die Flüge vom nächstgelegenen (und gut erreichbaren) Flughafen zurückgehen.
Und da alle anderen Personen um mich herum schon wissen, und zwangsläufig auch an meinem äußeren erkennen, dass ich schon älter bin als drei, oder maximal vier, werde ich dann sogar ohne begleitende Stewardess fliegen dürfen. Aktuell gehe ich aber noch, getreu meinem Lebensmotto als positiv eingestellte Psychologin, davon aus wieder gemeinsam zurückzufahren. So ein Plan B kann aber einfach ungemein entspannen, deshalb bin ich sehr froh zu wissen, dass es ihn bei Bedarf gibt…