Glücklicher Leben

Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit

Groß geworden bin ich in einem ganz klassisch familiengeführten Unternehmen. In dem ich sehr wohl eine wirklich tolle und auch wunderschöne Kindheit hatte. Trotzdem habe ich nie gelernt, die Dinge zu tun, die andere Kinder als Kinder nun mal eben so machen. Damit meine ich Urlaub auf dem Bauernhof, Reitstunden nehmen, ein eigenes Haustier besitzen. So was halt… Ich konnte dafür mit zwei Jahren schon Erlagscheine zusammenlegen. Das kann in diesem Alter auch noch nicht jeder.

Meine durchaus „tierfreie“ und abgesehen von Kindergarten und Volksschule auch „kinderfreie“ Erziehung als Einzelkind führte in meinem Erwachsenenleben dann dazu, dass ich, sobald ich in meiner Wohnung eine Spinne entdeckt habe nur noch überlegen konnte ob ich vorher die Feuerwehr, oder doch lieber die Rettung anrufe, oder im ersten Schritt zu einem Plastiksackerl greife, um fest ein- und auszuatmen um nicht neben der Spinne in Ohnmacht zu fallen.
Ähnlich verhielt es sich mit der Begegnung von Hunden. Seitdem mich als Kind einer gebissen hat, waren (sind) mir diese Vierbeiner zugegebenermaßen durchaus suspekt. Was nun natürlich auch zu keinen innigen Freundschaften führt, wenn mir beim Joggen ein Hund entgegenläuft. Weder zwischen dem Hund, noch zwischen seinem Herrchen / Frauchen und mir kann in diesem Moment auch nur irgendeine Form von Freundschaft entstehen.

Aber… es ist ja bekanntlich nie zu spät für eine glückliche Kindheit – auch was den Bezug zu Tieren angeht. Deshalb habe ich mir jetzt selbst eine Konfrontationstherapie verschrieben und, frei nach dem Motto „Keine halben Sachen“, meine erste Reitstunde absolviert.
Ich denke an dieser Stelle jetzt nicht mehr explizit darauf eingehen zu müssen, dass man beim ersten Kennen lernen zwischen „Aurelia“ (dem mir zugeteilten Pferd) und mir meinen Blutdruck nicht hätte messen müssen. Und den von „Aurelia“ auch nicht. Wenn Pferde denken können, war ihr einziger Gedanke wahrscheinlich, was sie in ihrem letzten Leben falsch gemacht hat um in diesem jetzt in einer Pferdeschule gelandet zu sein und solche Schüler wie mich auf dem Rücken (er)tragen zu müssen.

Nach anfänglichen Vorstellrunden zwischen „Aurelia“ und mir, welche vor einer sehr geduldigen Reitlehrerin moderiert wurden, bin ich dann tatsächlich aufgestiegen. Und sitzen geblieben. Was zwei Gründe hatte. Vor lauter Konzentration auf meine psychologischen „Ich atme meine Angst weg-Übungen“ habe ich die erste Zeit meiner Reitstunde vergessen wieder absteigen zu wollen und gegen Ende der Stunde habe ich mich nicht mehr abzusteigen getraut. Weil diese Tiere aber auch echt hoch sind. Und man zum Aufsteigen unfairer Weise eine ganz gemütliche „Aufstiegshilfe“ bekommt und damit eigentlich schneller oben sitzt als man sich das selbst erwartet hätte – mir ging es jedenfalls so. Leider gibt es dann aber keine Abstiegshilfe. Furchtbar! Ich kam mir plötzlich wieder vor wie früher im Turnunterricht wo ich die einzige war, die sich nicht über den Kasten hat springen trauen. Ich blieb von der Volksschule bis zur Oberstufe immer hartnäckig auf dem Trampolin davor stehen und bin bis heute nie über den Kasten gesprungen.

Sich zu weigern war hier nun aber leider keine Option. Sonst würde ich ja auch jetzt noch immer auf dem Pferd sitzen. Irgendwie habe ich es dann also doch – begleitet durch Atemübungen und Schimpfparolen auf mich selbst, wie man so blöd sein kann sich als erwachsene Frau auf ein Pferd zu setzen, wo man doch eh weiß Angst davor zu haben – geschafft abzusteigen.

Und…. Ich werde auch wieder aufsteigen! Es hat mir im Endeffekt nämlich nicht nur Spaß gemacht. Nein, es hat mir so enorm geholfen, dass ich hervorgerufen durch mein Erfolgserlebnis ein Pferd angegriffen zu haben und sogar über 30 Minuten oben gesessen zu sein, es geschafft habe eine Spinne aus meiner Wohnung zu entfernen. Ohne sie zu töten! In einem Glas mit einem Papier darunter. Weil, so eine Spinne im Größenverhältnis zu einem Pferd ja auch gar nicht mehr soooo furchteinflößend ist. Genauso wenig wie ein Hund.

Sollte es Ihnen auch so gehen wie mir, dass es Dinge in Ihrem Leben gibt vor denen Sie sich zwar fürchten, Sie sich aber nicht mehr länger davon einschüchtern lassen wollen, sollten auch Sie unbedingt die erste Reitstunde oder ähnliches besuchen.
Schreiben Sie sich doch jetzt gleich mindestens drei Dinge auf, die Sie schon seit Ihrer Kindheit  immer mal machen wollten, sich aber noch nicht getraut haben.
Sie werden sehen wie extrem befreiend es ist hier über den eigenen Schatten zu springen und es einfach zu tun.

Viel Spaß dabei wünscht Ihnen Ihre

Dr. Sabine Schneider (die gerade Ihre verpasste Hanni & Nanni Kindheit nachholt)