Glücklicher Leben

Ab wann spricht man eigentlich von Untreue?

In meiner Praxis werde ich immer wieder mit dieser Frage konfrontiert. Paare lernen sich kennen, verlieben sich, heiraten, gründen meistens eine gemeinsame Familie und bauen dann auch noch ein Haus zusammen. Der ganz klassische Weg, wie ihn ein Großteil der Menschen geht.

Oftmals ist es dann aber so, dass uns unser eigenes System, respektive unsere eigene Entwicklung, einholt und wir uns verändern. Was in sehr vielen Fällen dann dazu führt, dass wir plötzlich jemanden kennen lernen, mit dem wir uns in der aktuellen Lebensphase viel besser verstehen würden. Wir lachen über dieselben Dinge, es gibt keinen Alltag, keine Gespräche über Probleme, keine negativen Außeneinflüsse. Man fühlt sich ein bisschen wie frisch verliebt. Was auch gut so ist und unsere Psyche enorm beflügelt.

Wie weit darf man in so einer Situation dann aber gehen? Wo sind die Grenzen und ab wann verhält man sich dann dem eigenen Partner gegenüber untreu?

Jeder von uns , zumindest alle die schon ein bisschen mehr Lebenserfahrung haben und nicht das erste Mal frisch verliebt sind, weiß, dass der Alltag in jeder Beziehung irgendwann wieder Einzug hält. Wir Psychologen sprechen hier ganz unromantisch von einem Richtwert von in etwa sechs Monaten.
Aus dieser unromantischen Perspektive betrachtet muss man dann, bevor man einen Schritt zu weit geht, schon ganz klar darüber nachdenken, ob man dafür wirklich alles aufgeben möchte.

Auf der anderen Seite kann man Liebe auch nicht erzwingen. Es gibt immer wieder Paare die sich ob ihrer individuellen Entwicklung auseinander gelebt haben. Plötzlich vollkommen unterschiedliche Interessen haben und eigentlich in keiner Ehe, sondern vielmehr in einer Wohngemeinschaft, nebeneinander her leben. Dann wird es unweigerlich irgendwann passieren, dass einer der beiden ausbricht. Und je weniger verbunden wir uns zum eigenen Partner fühlen, umso anfälliger werden wir für Neues. Das kann passieren. Niemand kann von einem andren Menschen verlangen, dass ein freundschaftliches nebeneinander her leben – oftmals auch noch gepaart mit vielen Streitereien, weil die Basis der WG, zumindest früher einmal, ja doch Liebe war – für die eigene Seele ausreichend ist. Und „Entlieben“ eine der emotional schwierigsten Aufgaben ist, mit der wir im Laufe unseres Lebens konfrontiert werden. Deshalb gibt es dann auch Paare, die sich wegen der berühmten „Zahnpastatube“ scheiden lassen. Weil sie irgendwann ein Ventil brauchen, weil sie den richtigen Zeitpunkt, die Probleme konstruktiv anzusprechen, ganz einfach verpasst haben.

Eine Trennung ist auch nie eine Frage des Alters. Viele Paare merken erst, wenn sie richtig viel Zeit miteinander verbringen, wie bspw. ab dem Zeitpunkt wo beide in Pension gehen, dass sie sich seit vielen Jahren schon ganz weit auseinander entwickelt haben, es bis dato, durch die jeweiligen Aufgaben, aber durchaus erfolgreich verdrängt haben.

Meiner Ansicht nach kann es immer einmal passieren, sich eingestehen zu müssen, dass es doch nicht so passt wie erwartet. Dafür müssten wir in unserer Entwicklung ja auch alle stehen bleiben. Manche entwickeln sich gemeinsam, andere entwickeln sich auseinander. Das passiert. Was aber nicht passieren darf ist, dass man sich dann gegenseitig weh tut. Ich finde man muss, sobald man merkt, dass jemand dritter in einer Ehe, oder einer Partnerschaft, Platz hat im ersten Schritt erst einmal selbst reflektieren warum das so ist. Was einem die andere, neue, Person gibt, was man zu Hause nicht mehr bekommt. Und über diese Themen, die man so sehr vermisst, sollte man dann unbedingt mit dem eigenen Partner sprechen. Ganz ohne Vorwürfe. Vielleicht geht es dem / der anderen Person, Ihrem Partner / Ihrer Partnerin ja genauso. Vielleicht auch nicht. Trotzdem finde ich ist Ehrlichkeit die Basis jeder Beziehung und auch jeder wertschätzenden Trennung.

Eine Trennung tut immer weh und kann enorm schmerzhaft sein. Das scherzhafteste daran ist jedoch nicht zu wissen warum, oder gar betrogen und angelogen zu werden.

Viele meiner Patienten und Klienten sagen dann Dinge wie „Reden hilft“. Ja…, reden hilft ganz bestimmt. Die Frage ist nur, wie wir dann miteinander reden. Von diesen Gesprächen hängt vielleicht das ganze weitere Glück unseres Partners ab. Insbesondere wenn wir diesen verlassen.

Aus meiner Sicht wäre der beste Weg, sich im ersten Schritt einmal zu trennen, wenn ich bemerke und wahrnehme, dass ich mich nicht mehr wohlfühle und dadurch vielleicht sogar beginne meinen Partner zu verletzen, weil mein eigenes verletztes Kinder-Ich beginnt sich zu wehren und teilweise auch um sich zu schlagen – in verbaler Form. Dann wird es nämlich immer schwieriger Trennungsmodalitäten auf Augenhöhe festzulegen.
Ich würde aber auf keinen Fall gleich in eine neue Beziehung gehen. Oder gar meinen Partner wegen einer neuen Bekanntschaft (und etwas anderes ist es am Anfang nicht) verlassen. Wenn ich merke, offen zu sein für andere Männer, weiß ich, dass in meiner Partnerschaft etwas nicht stimmt.

Ich kann aber jedem nur empfehlen sich dann einfach einmal Zeit für sich zu nehmen und ganz gezielt drüber nachzudenken was man eigentlich wirklich will. Sich aufzuschreiben, was eine richtig gute Partnerschaft aus der eigenen Sicht betrachtet ausmacht und auch auszeichnet und woran man das fest machen kann. Und ganz gezielt zu reflektieren ob man das beim aktuellen Partner früher vielleicht schon einmal alles hatte. Dann ist es nämlich von enormer Wichtigkeit zu reflektieren was passiert ist, dass das heute nicht mehr der Fall ist.

Eine neue Partnerschaft, ein sich verlieben und Schmetterlinge zu spüren, ist hier nämlich definitiv nicht die Lösung. Es sei denn Sie streben alle sechs Monate eine neue Partnerschaft an. Dann verzichten Sie jedoch auf das allerschönste in der Liebe. Vertrautheit und Geborgenheit. Diese beiden Eigenschaften und zugleich Grundpfeiler einer jeden wertvollen Beziehung brauchen nämlich viel mehr Zeit um zu wachsen, als nur sechs Monate.

Außerdem darf man das „Neue“ nie als Basis für Vergleiche nutzen. Das „Neue“ ist immer spannender. Das wissen wir spätestens seit unserer Kindheit, wenn wir ein neues Spielzeug bekommen haben. Sehr schnell wird ein neues Spielzeug dann nämlich auch wieder zum Hygienefaktor, was so viel bedeutet wie, es wird selbstverständlich und verliert an Reiz.

Einen Partner, der ein Leben lang denselben Reiz auf einen ausübt wie ganz am Anfang einer Beziehung, gibt es befürchte ich nicht. Das müssen wir akzeptieren. Deshalb heißt es im Volksmund ja auch „Drum prüfe, wer sich ewig bindet“.
Auch wenn es, ganz besonders in der Liebe, keine Ewigkeit gibt. Das Glück haben nur ganz wenige Menschen und Paare.

Ich denke ein guter Lösungsansatz ist das regelmäßige reflektieren der eigenen Partnerschaft um sich nicht still und heimlich zu verlieren und sich gegebenenfalls auch rechtzeitig einzugestehen, dass die Person, mit der man eigentlich einmal das ganze Leben verbringen wollte, doch nicht mehr zu einem passt. Im Regelfall ist das der anderen Person ebenfalls schon bewusst. Wir trauen es uns nur viel zu oft nicht anzusprechen und entscheiden uns für ein, manchmal sogar selbstaufopferndes, nebeneinander hinvegetieren. Und plötzlich bricht einer der beiden aus. Dann tut es richtig weh. Das haben Sie beide nicht verdient. Denn der Volksmund sagt auch „Nichts ist für ewig“… Bleiben Sie sich also in erster Linie selber treu, dann werden Sie auch Ihrem Partner treu bleiben. Egal wie die Entscheidung ausfällt. Treue und Ehrlichkeit gehen immer und ausnahmslos Hand in Hand. Und notfalls ist die Ehrlichkeit auch verbunden mit einer Trennung, Dann ist es eben so…. Dann müssen Sie aber bitte auch dazu stehen und nicht davon laufen. Das macht es nämlich nicht besser, sondern nur schmerzhafter….